Dr. Phil. Oliver Florig

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Das große Ja

Nach längerer Zeit war ich diesen Sommer wieder in Paris. Dabei konnte ich sonderbare Szenen beobachten, die es noch vor 10 Jahren nicht gab: Junge stark geschminkte Frauen, teilweise auch Männer, die während sie durch die Stadt laufen einen Film von sich drehen – das Handy an einem Selfie-Stick für sich haltend. Frauen in sexy Posen, mit verlängerten Wimpern, knapp bekleidet vor dem Eifelturm ein künstliches Lächeln im Gesicht, von anderen fotografiert. Oder eine junge asiatisch aussehende, elegant gekleidete Frau, die wieder und wieder angestrengt versucht, anmutig über eine Straße zu laufen und die Blätter der verdorrenden Platanen in die Luft zu werfen, während sie jemand anderes dabei filmt.

Oder eine Reihe von Männern mit bloßem Oberkörper an Fitnessgeräten in einem Park. Jeder von ihnen ist wohltrainiert, rasiert. Kein Gramm Fett ist zu viel. Einen von ihnen sah ich im Supermarkt beim Einkaufen, nur mit einer Jeans und Turnschuhen bekleidet.

Besonders haben mich zwei junge Frauen beeindruckt, die in einem Elektroboot über den Canal St. Martin schipperten, immer im Kreis, wieder und wieder. Dabei filmten sie sich gegenseitig, betrachteten die Bilder und wiederholten die Prozedur, wieder und wieder, immer im Kreis.

Was suchen diese Menschen? Was sehen sie von dem Ort an dem sie sich befinden?

Nun, um mit der letzten Frage zu beginnen: Von dem Ort, an dem sie sich befinden, sehen sie eigentlich nichts. Sie nehmen ihn jedenfalls nicht als solchen wahr. Er ist lediglich die Fassade ihrer Selbstdarstellung, der er zu dienen hat. Um den Ort wirklich zu sehen, müssten sie von sich absehen und ihre Aufmerksamkeit auf ihre Umgebung richten. Dann könnten sie Schönes entdecken. Die Schönheit der alten Häuser, die Wellen auf dem Kanal, die eigenartige Fremdheit des Eifelturms in seiner von klassizistischen Häusern geprägten Umgebung, seine eigenartige Mischung aus technischer Modernität und Eleganz.

Wenn sie auf ihre Umgebung achten würden, könnten sie aber auch stutzig werden, warum die Platanen, deren Blätter jene junge Frau in die Luft wirft, schon Mitte August abfallen. Dann würden sie vielleicht bemerken, wie trocken es überall ist. Vielleicht kämen ihnen dann Gedanken an den Klimawandel und die Frage, ob es eine gute Idee ist, durch die Gegend zu fliegen, um Bilder zu machen, die möglicherweise wieder andere motivieren, ebenfalls irgendwohin zu fliegen, um dort auch Bilder oder Videos aufzunehmen.

Aber all das kann man nicht sehen – oder bedenken, während man versucht, eine gute Figur zu machen in einem Video, das man hinterher anschauen, anderen zeigen oder auf social media hochladen kann. All das sieht man nicht, wenn man sich selbst filmend im Kreis fährt, also letztlich um sich selbst kreist.

Allerdings nimmt man in diesem Kreisen um sich selbst paradoxerweise sich selbst auch nicht wirklich wahr. Man achtet nicht auf die eigene Müdigkeit und Angestrengtheit beim 8. oder 10. Versuch, eine Szene gut hinzukriegen, und nicht auf die Frustration, wenn es nicht gelingt. Auch die Bewegung des Elektrobootes auf dem Kanal kann man nicht genießen und keine kindliche Freude am ziellosen Fahren entwickeln, wenn es einem die ganze Zeit darum geht, einen perfekten Film davon zu drehen.

Also, was hat man davon? Manche möchte sicher einfach nur Bilder produzieren, die sie vermarkten können. Aber auch dann könnte man fragen, ja, warum versucht sie ausgerechnet auf diese Art Geld zu verdienen? Leicht sieht es für mich nicht aus. Im Gegenteil, auf mich wirkt es sehr angestrengt. Geht es darum, sich selbst zu bewundern und sich selbst davon zu überzeugen, wie schön, großartig und weltgewandt man ist? Das sicher auch.

Aber da ist mehr: Dieser Versuch, sich selbst zu bewundern, lebt letztlich von den echten oder imaginierten Blicken der anderen. Worum es mir eigentlich geht, wenn ich mich so in Szene setze und dabei filme, ist die Bewunderung der anderen, sei es der der Verwandten und Freunde daheim, sei es der von Unbekannten im Netz. Man möchte sich baden im Angeschaut-werden und gerade dadurch spüren, dass man ist – und vor allem, dass man toll ist und bewundernswert.

Das alles mache wir vermutlich ein Stück weit alle. Auch ich hoffe etwa, dass dieser Text von einigen – wenn auch wenigen – gelesen wird und Zustimmung erfährt. Und ich bin eitel genug zu hoffen, dass ich dabei als Autor gut rüberkomme. Die meisten, die sich mit einem neuen Kleidungsstück vor den Spiegel stellen, fragen sich vermutlich nicht nur, ob diese Hose, dieses Hemd „sitzt“, sondern auch, ob man in ihm gut auf andere wirkt.

Psychologisch gesprochen, man sucht Anerkennung. Was die jungen, schönen Menschen in Paris tun, treibt dieses allgemeine menschliche Streben nach Anerkennung freilich auf die Spitze – und sie gibt ihr eine bestimmte Färbung. Man kann Anerkennung nämlich auch suchen, indem man gesellschaftlichen Normen und Regeln gut erfüllt, also etwa indem man eine gute Mutter, ein guter Vater, ein guter Sohn oder ein zuverlässiger Mitarbeiter ist. Bei dieser etwas altmodischen Form des Suchens nach Anerkennung geht es primär darum, richtig zu sein, also letztlich die Normen, zu erfüllen, die alle anderen auch erfüllen. Wer sich in kurzem Kleid vor die Kamera in Pose stellt, der will nicht mehr in einem konventionellen Sinne richtig sein, der sucht Bewunderung als einzigartige Person. Diese Form des Strebens nach Anerkennung ist zutiefst individualistisch.

Ein solches Bestreben aber ist sehr, sehr anstrengend, schon weil es Aufmerksamkeit voraussetzt, um die wir alle miteinander konkurrieren. Bewunderung bekommt nur, wer Aufmerksamkeit erregt und toller ist als die meisten anderen. Dieses Streben nach Anerkennung ist außerdem paradox oder selbstwidersprüchlich. Denn beim Suchen nach Besonderheit muss ich natürlich die gerade dafür übliche Form in etwa treffen. Es bilden sich allgemeine Normen dafür heraus, wie man besonders sein kann – und wie eben gerade nicht. Trifft man diese Normen nicht, wirkt es rasch „peinlich“. Da sich diese Normen aber ständig verändern, muss man seine eigene Inszenierung ständig anpassen und dabei idealerweise noch eine individuelle Note hinzufügen, die einen dann eben doch zu etwas Besonderem macht.

Diese Form der Suche nach Anerkennung ist nicht nur anstrengend, sie macht auch nicht wirklich satt. Ich ahne ja, dass der andere nicht wirklich MICH als Person bewundert, wenn er mich denn bewundert. Letztlich bewundert er bestenfalls ein Bild von mir, das ich inszeniert habe, von dem ich aber tief innerlich ahne, dass ich es eigentlich nicht „bin“.

Wie können wir, wenn das wollen, diesem Streben nach Bewunderung entkommen? Wenn man in die Ratgeberliteratur schaut, lautet die erste Antwort auf diese Frage „Selbstannahme“ oder „Selbstliebe“. Nun stimmt es, dass es heilsam sein kann, sich selbst freundlich und wohlwollend zu betrachten und fürsorglich mit sich selbst umzugehen. Wem das gelingt, der kann ein wenig von der Anstrengung loslassen, die er oder sie unternehmen muss, um die Anerkennung anderer zu gewinnen. Dieser Weg ist also richtig und ein Bestandteil meiner therapeutischen Arbeit, aber er reicht m.E. nicht aus.

Ich bin nämlich überzeugt, dass wir uns nie alleine genug sind. Der Versuch, sich selbst so viel Liebe zu schenken, dass ich niemanden mehr brauche, ist aus meiner Sicht ebenso individualistisch und aussichtslos wie der Versuch, mich in den bewundernden Blicken der anderen zu baden. Wir sind nie nur Individuen. Wir sind vielmehr immer auch Beziehungswesen – und zwar von Anfang an. Nur in der Beziehung zu unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen gewinnen wir Selbstbewusstsein, Sprache, Selbstwertgefühl. Nur in diese Beziehung entwickeln wir Selbständigkeit und Individualität. Und auch später wollen wir, dass uns andere antworten und wir ihnen Antwort geben. Wir suchen Gemeinschaft und Begegnung. Erst wenn das ein Stück weit gelingt, kann man auch so etwas wie Selbstliebe entwickeln.

Was am Streben nach Bewunderung falsch ist, ist nicht der Versuch, von anderen irgendwie wahrgenommen zu werden, sondern der Versuch, dies erstens über eine Inszenierung zu erreichen und diese Beziehung zweitens völlig einseitig so zu gestalten, dass der andere mich sieht, ich ihn jedoch nicht.

Wer sich aus dem Streben nach Bewunderung lösen will, der muss beide Fehler vermeiden. Der muss versuchen, bedeutsame menschliche Beziehungen einzugehen. Das gelingt nur, wenn es mir immer auch um den anderen geht, d.h. wenn ich von mir absehen und mich wirklich für den anderen – oder die andere – interessieren kann, wenn ich ihm wirklich antworte, mich berühren lasse, spürbar anwesend bin und den anderen ggf. unterstützte. Gleichzeitig muss ich mich öffnen: nur wenn ich mich zeige, auch mit den nicht so schönen Seiten meiner selbst, kann der andere auf mich als ganze Person antworten und nicht auf ein Image, das ich von mir erzeuge. Nur solche Beziehungen machen letztlich satt.

Aber auch das ist noch nicht alles. Denn menschliche Beziehungen sind immer unvollkommen und immer ein Stück weit auf Bedingungen angewiesen. Wirkliche Begegnung ist außerdem immer selten und vorübergehend. Vor allem aber ist das Ja eines anderen Menschen zu mir, das Ja eines endlichen, vergänglichen und fehlbaren Wesens. Auch wenn der eine mich sieht und schätzt, mögen außerdem viele andere mich ablehnen.

Nach meiner Erfahrung gibt es noch ein größeres Ja, ein Ja, das umfassend und vollkommen ist. In den Momenten, in denen man es spürt, bleibt die Zeit stehen. Es gibt nichts mehr zu erreichen und doch ist vieles möglich, das vorher unmöglich schien. Dieses Ja meint mich als ganze Person, ist bergend und doch herausfordernd, da es gelebt und ausgedrückt werden will. Ein solches Ja kann man nicht erzwingen. Es ist Geschenk. Und doch kann man sich darauf ausrichten. Für Momente konnte ich es dann und wann einmal spüren als ein Ja eines alles übersteigenden und umfassend Du. Mit etwas altmodischen Wörtern würde ich sagen, da ist Gnade, da ist Gott.

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