Dr. Phil. Oliver Florig

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Im Hamsterrad

Eine der ersten Hausarbeiten, die ich in meinem Studium Mitte der 90er Jahre geschrieben habe, handelte vom sogenannten Wertewandel, den manche Sozialwissenschaftler beobachtet hatten. Statt Werte wie Leistung, Sicherheit und Disziplin in den Vordergrund zu stellen, gehe es den Menschen nun um Selbstentfaltung. Der Wohlstand ist gesichert, nun können wir prüfen, wie wir leben wollen, so war auch nach meinem Eindruck die Einstellung vieler. Heute sieht es ganz anders aus. Zwar ist der materielle Wohlstand heute deutlich höher als damals, das Gefühl der Sicherheit aber ist weg. Viele fürchten, der ökonomische Abstieg Deutschlands habe begonnen. Nicht wenige merken, dass sie weniger verdienen als ihre Eltern.

Vor einiger Zeit forderte die Wirtschaftswissenschaftlerin Veronika Grimme daher mehr Innovationen und nannte neben der KI auch die Nuklear- und die Gentechnik. Wir müssen so Grimme „wieder vor die Welle kommen“ (ZON vom 9.12.25). Was das individuell bedeuten kann, ist gerade aus der CDU zu hören. Unser Wohlstand sei nur sicher, wenn wir mehr arbeiten, und zwar auch diejenigen, die eigentlich genug haben und deswegen in Teilzeit gehen.

Ich fürchte Frau Grimme hat wirtschaftlich gesehen recht. Und auch der Wirtschaftsflügel der Union liegt vermutlich nicht ganz falsch. Allerdings kommen mir da ein paar Fragen.

Ich bemerke z.B. bei vielen meiner Klienten eine akute Überlastung. Familie, Arbeit, Haushalt und Hobbies, das alles lässt sich oft nicht mehr unter einen Hut bekommen. Viele versuchen mit Achtsamkeit, Sport, gesunder Ernährung oder Yoga die nötige Kraft zu finden, um den Alltag besser zu bewältigen. Häufig aber reicht das nicht hin. Es geht darum Ansprüche zu hinterfragen, Ansprüche an die Karriere, an den eigenen Perfektionismus in der Kindererziehung oder die eigenen Vorstellungen von einer gelungenen Freizeit. Häufig hat dieses Hinterfragen der eigenen Ansprüche zur Folge, dass die Leute nicht nur effizienter, sondern weniger arbeiten, die Karriere weniger intensiv verfolgen, für die Kinder weniger organisieren und eventuell in ihrer Freizeit auch weniger ausgeben. Das alles ist sicher nicht im Sinne von Herrn Merz und Frau Grimme. Unsere Wirtschaft braucht nicht nur fleißige Arbeitnehmerinnen, sondern auch ausgabefreudige Konsumenten.

Und noch etwas macht mich skeptisch: Wenn wir die Frage, wie wir leben wollen, der Frage unterstellen, was unsere Wirtschaft zum Wachsen braucht, dann wackelt der Schwanz mit dem Hund. Die Wirtschaft ist dazu da, so habe ich es mal gelernt, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Nun stellt sich heraus, dass wir die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen. Das alles erinnert sehr an Beobachtungen von Adorno und Horkheimer in den 40er Jahren. Eine gesellschaftliche Institution wird zu einer quasi-natürlichen, unkontrollierbaren Macht, der wir uns anpassen müssen.

Für unser Wirtschaftssystem bedeutet das, dass die Frage, wann wir eigentlich genug haben, praktisch bedeutungslos ist. Unser Wohlstand und unsere ökonomische Sicherheit sind bedroht, egal, wie viel wir haben. Auch bei einem 100fach höheren BIP könnten wir uns nicht ausruhen. Denn die Konkurrenz schläft auch dann nicht und könnte uns abhängen.

In dieser Anpassung an die Konkurrenz sind wir aber gleichzeitig Treiber des Geschehens. Denn wenn wir „vor die Welle kommen“, dann beschleunigt sich das Gesamttempo. Andere Länder sehen sich dann nämlich ihrerseits gezwungen, uns zu überholen. Dasselbe gilt teilweise auch individuell: Wenn ich meine Homepage nicht in immer kürzeren Abständen anpasse, sieht sie irgendwann niemand mehr. Das aber bedeutet, unser Leben ändert sich immer schneller.

Diese Beschleunigung des sozialen Wandels aber erschwert es, wie Hartmut Rosa gezeigt hat, sich mit der Welt wirklich zu verbinden und auf Resonanz zu erleben. Was Rosa meint, kann man sich gut vergegenwärtigen, wenn wir einen Spaziergang mit einer Fahrt auf einer ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke vergleichen. Im Spazierengehen spüre und rieche ich die Luft, sehe die Dinge um mich herum und freue – oder ärgere mich, über die unterschiedlichsten Dinge. Im ICE brause ich durch Tunnel, über Brücken und zwischen Erdwällen dahin und sehe von der mich umgebenden Landschaft nichts mehr. Allenfalls ärgere ich mich, wenn der Zug stehenbleibt. Wenn unser Leben aber immer mehr einer Fahrt im ICE gleicht, dann verliert es an Sinn: Wer nirgends verweilt, dem wird alles bedeutungslos.

Wenn wir die Frage, wie wir leben wollen, der Frage unterordnen, wie wir es schaffen, in der internationalen Konkurrenz vorne mit dabei zu sein, verlieren wir außerdem die Frage danach aus dem Blick, welche Anwendung der neuen Technologien verantwortbar sind und uns wirklich nützt – und welche nicht. Wir müssen sie anwenden, soweit das irgendwie geht, weil die anderen das eben auch tun (werden). Was aber, wenn die Menschen in anderen Länder nur noch genetisch optimierte, im Reagenzglas erzeugte Kinder auf die Welt bringen? Was wenn Sie Cyborgs bauen, die mit dem Internet verschmolzen sind? Machen wir das dann auch?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie wir den Notwendigkeiten des Wirtschaftssystems soweit entkommen können, dass wir der Frage nach dem guten Leben wieder mehr Raum geben können. Es macht aber doch Sinn, sich dieser Frage bewusst zu sein. Vielleicht sind wir dann offen für mögliche Antworten. Und zumindest in unserem persönlichen Leben gibt es Spielräume, die wir nutzen können.

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