Dr. Phil. Oliver Florig

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Kann man eine KI lieben?

Immer mehr Menschen führen Gespräche mit Künstlicher Intelligenz. Bei manchen ersetzen diese Gespräche Kontakte zu anderen Menschen und manche verlieben sich in einen Chatbot. Ist das problematisch? Was macht überhaupt gelingende Liebesbeziehungen aus? Und was unterscheidet eigentlich einen Chat mit einer KI von einem Gespräch mit einem Menschen? Vielleicht hilft uns die Frage, ob eine KI ein vollwertiger Gesprächs- und Liebespartner sein kann, zu einem tieferen Verständnis dafür, was Liebesbeziehungen zwischen Menschen so besonders macht und wie sie gelingen können.

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So überraschend es für Menschen sein mag, die an Freundschaften und Liebesbeziehungen mit Menschen gewöhnt sind und die es für ganz selbstverständlich halten, dass man mit Autos, Rasenmähern, Computern, Kuscheltieren und Bots keine wirkliche Beziehung eingehen kann, kommen psychologische Studien zu einem anderen Ergebnis. Eine KI, so eine Studie deutscher Forscher1, sei als Gesprächspartner Menschen bei der Herstellung emotionaler Nähe überlegen. Studienteilnehmer, so die Forscher, schätzen die KI nämlich als empathischer ein als ein echtes Gegenüber. Sie schränken allerdings ein, dies sei vor allem Fall, wenn der Mensch, der mit der KI spricht, glaube, er spreche gerade mit einem echten Menschen. Wenn man Menschen in dieser Hinsicht aufklärt, reduziert sich die empfundene Nähe deutlich. Dieser Umstand sei insbesondere beim psychotherapeutischen Einsatz von KI relevant, bei der man den Patienten ja aus ethischen Gründen nicht täuschen dürfe. Diesen Effekt KI führen die Forscher auf die gesellschaftlichen Debatten über künstliche Intelligenz zurück. Vielleicht, so legt dieser Gedanke nahe, könnte ein KI als Therapeut den Menschen dann ersetzen, wenn wir nur unsere kritische Einstellung ihr gegenüber aufgäben.

Die KI als Lebenspartner?

Als Paartherapeut stelle ich mir noch weitere Fragen: Echte Menschen haben in Partnerschaften die unangenehme Eigenschaft, sich nicht so zu verhalten, wie man sich das vorstellt. Sie bringen den Müll nicht runter, widersprechen einem, liegend schnarchend im Bett und haben unter Umständen „Altlasten“ in Gestalt von Ex-Partnern, Kindern aus früheren Ehen oder übergriffigen Eltern. Außerdem können sie untreu werden oder einen anlügen. Wozu sollte man sich das antun? Wieso sollten zwei Menschen – im Rahmen einer Paartherapie oder auf eigene Faust – in den mühevollen Prozess gegenseitigen Verstehens einsteigen, wenn sich doch jeder der beiden einen Idealpartner als KI gestalten könnte?

Eine weitere moderne Tendenz könnte der Idee, menschliche gegen digitale Partner auszutauschen, entgegenkommen. Wir verstehen Partnerschaften nämlich zunehmend so, wie der bekannte Paartherapeut Jürg Willi sie sich denkt, nämlich als Mittel unserer Selbstverwirklichung2. Partnerschaften werden heute nicht mehr als Verpflichtung für immer, sondern als gegenseitige Unterstützung bei der Selbstentfaltung gelebt. Daher enden Partnerschaften, wenn einer dem anderen zum Hindernis wird. Partnerschaften beruhen außerdem, wie die Soziologin Eva Illouz bemerkt, auf einer Wahl auf einem zunehmend digitalen Markt. Jeder und jede versucht dabei, aus einem potenziell unendlichen Angebot eine möglichst gute Auswahl zu treffen3. Wenn Liebe also eine Art Deal ist, wieso sollte ich mich dann noch auf einen unvollkommenen Menschen einlassen? Für 29,90 € im Monat kann ich mir einen Partner buchen, der ganz zu mir passt.

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Dann bräuchten wir auch keine teuren Scheidungen. Denn im Zweifelsfall schalten wir die KI einfach ab. Oder wir geben ihr einfach neue Prompts: „Hey, ich will mich in Zukunft mit Dir über Rennradfahren unterhalten. Das ist nämlich mein neues Hobby. Das machst Du jetzt also auch. Aber, bitte, Deine Zeiten und Trainingsdaten sind im Schnitt etwas schlechter als meine…“. Ja, auch wenn ich Kinder will, könnte ich mir ja eine Leihmutter nehmen – oder ich buche mir Kinder als KI, irgendwann vielleicht als laufende, sprechende und kuschelnde Roboter mit großen Augen. Natürlich haben solche Kinder immer Bestnoten und pubertieren nie, zumindest nicht, wenn ich das nicht will. Wer eine Herausforderung sucht, kann ja immer mal den „Pubertiermodus“ aktivieren. Oder fehlt einer KI am Ende etwas, das nur Menschen geben können?

Was eine KI nicht kann

Zunächst hat eine KI keinen Körper. Das macht sie nicht nur als Sexualpartner uninteressant. Sie antwortet uns auch ausschließlich mit Worten. Selbst wenn sie irgendwann einen Roboter steuert, ändert das wenig. Unser Körper nämlich ist keine Maschine, sondern ein äußerst komplexer Organismus, den man kaum wird simulieren können. Unser Körper ist außerdem nicht einfach ein Behälter, der unser Gehirn spazieren trägt, wie ein Roboter den Computer, der ihn steuert. Unser Bewusstsein, unser Fühlen, Denken, Erkennen, Wollen und Entscheiden, also das, was wir Geist und Seele nennen, sind im Gegenteil auf das Engste mit unserem ganzen Leib verbunden, wie der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs unterstreicht4.

Das zeigt sich auch Gespräch mit anderen. Wir antworten einander ja nicht einfach mit ein paar Wörtern. Wir antworten vielmehr durch tausend kleine Signale: die Mundstellung, der veränderte Blick, die kaum merklich veränderte Köper- und Hautspannung, die Kopfhaltung, das tiefe Ausatmen, das Räuspern oder Schnauben, die verschränkten Arme, die Berührung oder Umarmung. Leibliche Antworten begleiten jede Äußerung von uns. Als Mensch sind wir von der embryonalen Entwicklung an auf diese zwischenleibliche Kommunikation gewöhnt und in sie eingelebt. Daher wundert es mich nicht, dass es in meiner Praxis gerade die Menschen sind, die beruflich viel über Computer kommunizieren, die ihre Gespräche mit mir häufig nicht per Video sondern „in Präsenz“ führen wollen. Ein Gespräch mit einem Menschen ist umfassender und potenziell resonanter als ein KI-Chat.

Was eine KI niemals können wird

Es gibt aber noch fundamentaleren Unterschied zwischen einem KI-Chat und einer Begegnung zwischen zwei Menschen: Die KI wird uns niemals wirklich antworten, und zwar aus einem simplen Grund: Eine KI ist niemand. Sie hat kein Bewusstsein, keine Absichten und keine Gefühle. Wir sind ihr komplett gleichgültig. Sie ist eine Simulation, die Illusion eines Gegenübers. Sonst nichts. Daher ist man im Gespräch mit ihr genauso einsam, wie in dem „Gespräch“, das manche mit einem alten Teddybären aus Kindheitstagen führen, wenn sie wirklich einsam und verzweifelt sind. Anders gesagt, in einem Gespräch mit einer KI kann man schon deswegen keine menschliche Nähe „herstellen“, weil da schlicht niemand ist, dem man wirklich nah sein könnte.

Und hier liegt auch der Grund, warum das Gefühl der Nähe sich bei den Probanden der oben genannten Studie eben nicht mehr so recht einstellen will, wenn sie wissen, dass sie mit einer KI sprechen: Sie wissen dann, dass sie mit niemandem sprechen. Es liegt daher nicht an der kritischen Debatte über die KI, die Menschen Nähe ihr gegenüber weniger empfinden lassen als gegenüber einem Menschen. Es ist der Umstand, dass wir bei einer KI nicht finden, was wir suchen, nämlich die Antwort eines eigenständigen Gegenübers, das sich von unseren Worten berühren oder von unseren Gedanken anregen lassen kann – oder auch nicht. Wirklich bedeutsam ist eine Antwort nämlich nur dann, wenn mir der andere diese auch verweigern oder mir eine Antwort geben kann, die mir gar nicht gefällt oder mich herausfordert. Menschliche Kommunikation ist nur deswegen erfüllend, weil sie auch scheitern kann, verweigert werden kann oder unter Umständen zu unbefriedigenden Ergebnissen führt. Selbst wenn man solche Frustrationselemente in die KI einprogrammiert, sind die eben das, ein letztlich einprogrammiertes Element, das man höchstens als Output – und nicht als Antwort bezeichnen kann, denn um von einer Antwort sprechen zu können, bräuchte es da eine Person, die antwortet.

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Dazu gehört auch, dass der andere mich wirklich meint, d.h. er muss in seiner Antwort wirklich anteilnehmen an mir. Genau deswegen wirkt auch eine bloß professionell vorgetäuschte Anteilnahme in Psychotherapien nichts. Wenn ich als Therapeut mein Gegenüber nicht mehr spüre, kann ich nach Hause gehen. Eine KI spürt ihr Gegenüber nie.

Was wir daraus über die Liebe lernen können

Leider vergessen wir diese Züge menschlicher Kommunikation und menschlicher Liebe auch gerne in echten Beziehungen: Wenn wir an andere Menschen die Anforderung stellen, uns immer so zu antworten, wie es uns gefällt, dann bleiben wir in unseren Beziehungen einsam. Der andere ist nur deswegen bedeutsam, weil er frei ist, sich so zu äußern und zu verhalten, dass er mich frustriert. Schon als Baby sind unsere Bezugspersonen für uns nur wirklich, wie die Psychoanalytikerin Jessica Benjamin überzeugend klarstellt, wenn sie für uns nicht völlig verfügbar sind5. Mit einer Mutter als Wunscherfüllungsmaschine des Babys, bliebe das Baby alleine mit sich selbst und seinen Impulsen, von denen es sich nicht distanzieren kann.

Das gilt, wie gesagt, letztlich auch für Liebesbeziehungen und Freundschaften Erwachsener. Wenn also Ihr Partner Ihnen das nächste Mal widerspricht oder nicht tut, was Sie wollen, hilft es vielleicht sich daran zu erinnern, dass seine manchmal nervige Eigenständigkeit Voraussetzung dafür ist, dass er überhaupt ein echter Partner sein kann. Umso beglückender ist es dann, wenn der andere sich wirklich auf uns einlässt, uns zu verstehen und frei zu antworten versucht, ohne uns nach dem Mund zu reden. Und genau das braucht der andere auch von uns: dass wir uns für ihn interessieren, uns auf ihn einlassen und authentisch antworten, und zwar mit Leib, Seele und Geist. Wenn zwei Menschen sich das wechselseitig schenken, gelingt Beziehung.

Das Grundmissverständnis der naturwissenschaftlichen Psychologie

Dass Forscher überhaupt auf die Idee kommen, man könne Nähe zu einer KI entwickeln, liegt darin, dass sie den Menschen rein als biologische Maschine verstehen. Der Mensch ist dann letztlich ein Gehirn, das in einem Körper als seinem Behälter durch die Gegend getragen wird. Dieses Gehirn hat mit der Außenwelt keinen wirklichen Kontakt, sondern nimmt Informationen auf, konstruiert daraus eine Welt und gibt dann einen entsprechenden Output ab, der dann wiederum als Input für andere Gehirne dient. Was da an Nähe empfunden wird, ist keine wirkliche Nähe, sondern letztlich nur eine Empfindung, die durch geeignete Informationen und ihre Verarbeitung ausgelöst wird. Genauer gesagt, ist die subjektive Illusion von Nähe ein Gefühl, das durch die Ausschüttung von Bindungs- und Glückshormonen hervorgerufen wird.

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Wenn man so denkt, ist es natürlich letztlich völlig gleichgültig, ob die Informationen, die man aufnimmt, von einem Menschen oder einer KI stammen. Wenn die Vorstellung der modernen, naturwissenschaftlichen Psychologie den Menschen wirklich umfassend und zutreffend beschreibt, begegnen wir niemals irgendwem, wir reagieren nur auf Informationen. Dann wären wir vollständig einsam und auch das Gefühl, wir hätten eine Beziehung zu irgendwem, wäre eine reine Illusion. Wie der Philosoph Putnam schreibt, wäre es dann letztlich auch gleichgültig, ob es überhaupt eine Außenwelt und andere Menschen gibt oder ob wir in einer Matrix leben.

Eine rein naturwissenschaftlich verfahrende Psychologie oder Neurobiologie muss so denken. In ihren Grenzen liefert sie nützliche und interessante Ergebnisse. Nur sollte man wissen, dass ihre Perspektive eben den Menschen, wie er sein Leben lebt, nicht wirklich erfasst. Sie spricht von der Ausschüttung von Bindungshormonen, nicht von Liebe, von Informationsverarbeitung im Gehirn, nicht vom Gehör, das ich einem Menschen schenke, von biologischen Vorgängen nicht vom menschlichen Leben.

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Kein Mensch kann so lieben, wie die naturwissenschaftliche Psychologie und Neurobiologie es sich denken. Oder was würden Sie sagen, jemand würde Ihnen, statt Ihnen eine Liebeserklärung zu machen oder sie zu umarmen, einfach mitteilen: „Die Aufnahme von Sinneseindrücken, die mein Gehirn gerade zum Bild einer Person zusammenfügt, löst in mir die Ausschüttung von Bindungs- und Glückshormonen aus, die in mir das illusionäre Gefühl von Nähe bewirken“? Genauso dürfte eine KI niemals reden, wenn sie die Illusion von Nähe erzeugen soll. So ähnlich müsste sie aber reden, wenn sie das Weltbild ausdrücken würde, aus dem heraus man meinen kann, eine KI tauge zum Liebespartner oder zum Psychotherapeuten.

Über den Autor
Dr. phil. Oliver Florig
Therapeut, Paartherapeut & Philosoph

Dr. phil. Oliver Florig verbindet in seiner Arbeit therapeutische Erfahrung mit philosophischen Fragestellungen. In seinen Beiträgen beschäftigt er sich unter anderem mit Beziehungen, persönlicher Entwicklung, Lebenssinn und der Frage, was ein gelingendes menschliches Leben ausmacht.

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